DOCTRINA MULTIPLEX - VERITAS UNA
Die Stadt Rostock besitzt seit 1218 das Stadtrecht. Die Schifffahrt bestimmte den Charakter der Stadt im Verlauf ihrer gesamten Geschichte. Der Handel mit den skandinavischen Ländern, dem Baltikum, Russland, England und den Niederlanden bildete ihre Lebensgrundlage. Im Knotenpunkt des Seeverkehrs und Seehandels des hanseatischen Mittelalters war die Universität Rostock maßgeblich daran beteiligt, dass sich die westeuropäische städtebürgerliche Kultur im Ostseeraum verbreitete.
Die Initiative zur Gründung einer Universität ging von der Hansestadt aus. Theologen, Mediziner und Juristen zur Erfüllung kirchlicher und weltlicher Aufgaben, waren in der aufblühenden Stadt absolut von Nöten.
Für einen Antrag der Stadt an den Papst in Rom zur Gründung der Universität war die Zustimmung der Landesfürsten nötig, da sie als nicht reichsfreie Stadt der Landeshoheit unterworfen war. Die weltlichen und geistlichen Landesfürsten konnten eine solche Idee nur unterstützen, war doch eine Universität durch ihre Theologen eine Hochburg der Kirche und konnte ihre Wirksamkeit nur heben. So wandte sich die Stadt Rostock zusammen mit den mecklenburgischen Herzögen Albrecht V. und Johann IV. sowie dem Bischof Heinrich von Schwerin an Papst Martin V. mit der Bitte um Genehmigung zur Errichtung einer Hochschule. Der Papst entsprach der Bitte in seiner am 13. Februar 1419 ausgestellten Bulle, untersagte aber die Gründung einer theologischen Fakultät, was vermutlich auf die Verbreitung ketzerischer Lehren zu dieser Zeit im nördlichen Europa zurückzuführen ist. Die Stadt übernahm die Sicherung der materiellen Grundlagen für die Universität.
So wurde dann im Herbst 1419 die Universität Rostock feierlich eingeweiht. Mit drei anstatt der sonst üblichen vier Fakultäten. Die „facultas artium“, „facultas medicorum“ und der „facultas jurum“, an deren Spitze jeweils ein Dekan stand, bildeten die Grundstruktur der Universität. Sie waren dem Rektor unterstellt der Regierungsgewalt und Gerichtsbarkeit ausübte. Die Fakultäten befanden sich in einem hierarchischen Verhältnis untereinander, wobei die „facultas artium“ die unterste Stufe bildete. Sie musste als Voraussetzung für das Studium an einer der oberen Fakultäten zuerst absolviert werden. Die Ausbildung in dieser Fakultät umfasste die sieben freien Künste und untergliederte sich in das „Trivium“ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und das „Quadrivium“ (Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie). Die Studenten lebten unter den klassischen Bedingungen in „Bursen“. Im Jahre 1432 gestattete Papst Eugen IV. nachträglich die Errichtung der Theologischen Fakultät.
Während dieser Zeit wurde Rostock in Unruhen verwickelt, die 1434 für die Stadt sogar den Kirchenbann bedeuteten. Die Hochschule musste auf kirchlichen Druck 1437 nach Greifswald ausziehen und blieb dort bis 1443. Daraufhin wurde auch in Greifswald 1456 eine Universität gegründet.
Auch durch die Gründungen der Universitäten in Uppsala 1477 und Kopenhagen 1478 konnte Ausstrahlung und Bedeutung der Universität Rostock nicht mindern. Bis in das 16. Jahrhundert schrieben sich hier je Semester meist zwischen 100 und 250 Studenten neu ein.
Die seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Italien ausgehende Bildungsbewegung des Renaissancehumanismus, spielte auch für die Rostocker Universität eine bedeutende Rolle. Die entstehenden Grundlagen der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik führten zu einer neuen Qualität der universitären Lehre. Humanisten wie Conrad Celtis, Ulrich von Hutten und Nikolaus Marschalk fanden auch in Rostock unter den jungen Gelehrten und Schülern Anhänger und Freunde. Renaissance und Humanismus wirkten in gewissem Sinne als Vorbereitung der Reformation, sie hatten die geistigen Voraussetzungen geschaffen die auch eine Erneuerung der Universität nach sich zog. Die Tatsache aber, dass sich die Reformation in Mecklenburg nur zögernd durchsetzte, hatte für die Universität schwere Folgen. Der katholisch eingestellten Hochschule gelang es nicht, die Studenten zu halten. Viele wanderten in das protestantische Wittenberg ab. Selbst nach dem sie der Reformation in Rostock (1531) schrieben sich nur wenige Studenten in Rostock ein. Es fehlten die Persönlichkeiten, die die Ideen der Reformation vertraten und eine Umgestaltung der Universität durchsetzten. Erst als durch Initiative Herzog Heinrichs 1532 Persönlichkeiten der Reformation nach Rostock kamen, wurden die ersten Schritte der Reformation der Universität eingeleitet. Auch der Hansebund zeigte sich an dem Fortbestehen der Universität interessiert und fasste Beschlüsse für deren Förderung.
Ab 1569 begann zuerst die Philosophische Fakultät mit dem Sammeln von Büchern, woraus sich die Universitätsbibliothek entwickelte.
Der 1618 ausgebrochene 30-jährige Krieg berührte Rostock kaum, führte aber zu einer Verrohung der studentischen Sitten, wie an fast allen anderen protestantischen Universitäten Deutschlands.
Nach 1650 nahmen Bedeutung und Einfluss der Rostocker Universität erheblich ab. Die Immatrikulationszahlen sanken dramatisch, und Rostock erlebte bis zum 18. Jahrhundert den stärksten Niedergang von allen deutschen Universitäten. Durch die Zerrüttung des Krieges und den hohen Verlusten an Menschen, sank die Zahl der Studenten zwar an allen Hochschulen, aber der Untergang der Hanse traf besonders die Seestädte.
1760 führte ein Streit mit dem Herzog Friedrich zu Gründung der fürstlichen Universität Bützow. Diese Mehrbelastung des armen Landes Mecklenburg wirkte sich nicht gerade förderlich auf beide Universitäten aus. So beschloss Friedrich Franz I. eine „Wiederzusammenführung“ beider Teile. Doch die geringe Zahl der Studenten (unter hundert) zeigte noch im Jahre 1800 den spürbaren Rückgang.
Dennoch war ein Aufbruchgedanke nicht zu verkennen, moderne wissenschaftliche Lehrstühle wurden eingerichtet: 1790 das Anatomische Institut, 1793 die Landwirtschaftliche Lehr- und Versuchsanstalt, 1828 ein medizinisch-chirurgisches Krankenhaus, 1834 ein chemisches Laboratorium, 1836 eine Entbindungsanstalt u.a.
Die Universität blieb eine der kleinsten im zweiten Deutschen Reich. Spürbar erhöhten sich in den achtziger Jahren die Studentenzahlen, und auch der Lehrkörper vergrößerte sich. Durch die Einrichtung neuer Lehrstühle wurden vor allem die naturwissenschaftlichen und neusprachlichen Disziplinen in der Philosophischen Fakultät erweitert. Ordinarien entstanden für Mathematik, Physik, Chemie, Zoologie, Geologie, Anglistik, Romanistik, Archäologie, Philologie, Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht.
Rostock erlebte die bis dahin höchsten Einschreibungszahlen in seiner Geschichte. Im Jahre 1909 begann für Mecklenburg als letzten deutschen Staat in Rostock auch das Frauenstudium. Der Erste Weltkrieg beendete aber alles jäh. Viele Studenten zogen in der allgemeinen Kriegsbegeisterung an die Front. Die Zahl der gefallenen Studenten auch der Rostocker Universität war beträchtlich. Erst nach dem Krieg begann sich der Vorlesungsbetrieb wieder zu erholen. Die 500 Jahrfeier 1919 fand in ganz Deutschland Beachtung. Nach dem Ende der Monarchie und den politischen Veränderungen, war Rostock, einer der ältesten deutschen Universitäten, die erste, die nach dem verlorenen Krieg ein Jubiläum begann. Man lud aus dem Ausland nur Gäste ehemals verbündeter oder neutraler Staaten ein, ebenso den abgedankten Großherzog Friedrich Franz IV., General von Lettow-Vorbeck sowie den Ministerpräsidenten der republikanischen Landesregierung. Während die Repräsentanten der gestürzten Macht auf dem Festakt mit Beifall begrüßt wurden, mussten die frei gewählten Vertreter der Regierung Missfallensäußerungen hinnehmen. Andererseits würdigte die Medizinische Fakultät den Physiker Albert Einstein mit der Ehrenpromotion.
In den folgenden Jahren änderte sich die konservative politische Einstellung an der Universität Rostock nicht. Es mehrten sich Zeichen des „völkischen Geistes“ insbesondere gegenüber jüdischen Studenten und Hochschullehren.
Von wachsender Bedeutung war die Medizinische Fakultät, die viele junge Wissenschaftler in ihren Reihen hatte. Darunter auch Johannes Reinmöller (Westgothe), der das erste Zahnmedizinische Institut in Rostock gründete.
Der zweite Weltkrieg bahnte sich an, beginnend mit der Gleichschaltung der Universitären Gremien, der Gründung des NS-Studentenbundes. Die Rüstungsindustrie, insbesondere die Heinkel Flugzeugwerke wurden von der Universität wissenschaftlich unterstützt, unterstützten aber auch im Gegenzug die Fakultäten finanziell. Der zweite Weltkrieg hatte auch auf die Universität verheerende Auswirkungen. Ein Großteil des Lehrkörpers hatte Militärdienst zu leisten, die meisten Studenten ohnehin. Viele von ihnen verloren ihr Leben. Zum Ende des Krieges wurde die Universität geschlossen und erst 1946 wieder eröffnet.
Die Nachkriegsjahre waren schwierig. Elementare Mängel in allen Bereichen des Lebens mussten überwunden werden, ein neues politisches System wurde errichtet. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde der Festigung der Deutschen Demokratischen Republik als politischem Gegenpol und ökonomisch eigenständigem Staat große Bedeutung beigemessen. Das von der Sowjetischen Militäradministration
(SMAD) proklamierte Konzept einer antifaschistischen-demokratischen Ordnung erweckte in vielen Studenten Vertrauen und Hoffnung auf Demokratie, Autonomie und Toleranz an den Hochschulen. Gab die SMAD in den ersten Jahren der studentischen Selbstverwaltung noch einen gewissen Spielraum, gab es bald politischen Druck von Funktionären der SED. Kernpunkt der Auseinandersetzungen waren die Zulassungsbedingungen zum Studium, die Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugten und Bewerbern aus anderen Schichten weniger Chancen ließen. 1948 lehnte der Rektor und Senat der Universität eine von der SED geforderte Vorauswahl der Studienbewerber nach politischen Entscheidungspunkten ab.
Die Juristische Fakultät galt schon 1949 als „Zentrum des Bürgertums“ und wurde 1950 geschlossen. Der Gesamte Lehrkörper der Universität war durch Kriegsverluste, Flucht in den Westen und Entnazifizierung stark reduziert worden. Deshalb berief man bald junge angehende Wissenschaftler, die der Partei nahe standen. Obwohl Berufungen Loyalität gegenüber der DDR voraussetzten, wurde Lehre und Forschung noch bis in die sechziger Jahre von Gelehrten geprägt, die in der Vorkriegszeit ausgebildet wurden und auch schon wissenschaftlich gearbeitet hatten. Sie waren nur bedingt bereit sich in die neuen Machtverhältnissen einzuordnen und hielten sich meist ideologisch zurück. Insbesondere von diesen Universitätsangehörigen wurde über eine beträchtliche Zeit bedeutende Arbeit auf dem Gebiet der Natur-, Technik-, und Agrarwissenschaft geleistet. Ohne sie wären Neugründungen, wie die der Technischen Fakultät 1950 - als erste an einer klassischen deutschen Universität - nicht möglich gewesen.
Die staatliche Unterstützung forderte aber ihren Preis. 151 wurden im Rahmen der zweiten Hochschulreform an allen Universitäten und Hochschulen der DDR einheitliche Lehrpläne mit massiver Einschränkung der Lehr- und Studienfreiheit eingeführt. Auf Weisung wurden der Regierung wurden alle Studentenräte aufgelöst und deren Aufgabe von der FDJ mit politischer Kontrolle übernommen. Widerstand regte sich. Professoren wanderten ab, Studenten verweigerten die Mitgliedschaft in der FDJ. Trauriger Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war das Schicksal des Studenten Arno Esch. Im Oktober 1949 von sowjetischen Sicherheitsbeamten verhaftet, wurde er 1951 von einem sowjetischen Militärtribunal hingerichtet.
Während die sechziger und siebziger Jahre weiter politisch orientierte Reformen brachten, wurden auch neue Institute aufgebaut, in denen zum wissenschaftlichen Ansehen der Universität beigetragen wurde.
Als es 1989 zum Umbruch in der DDR kam demonstrierten auch Rostocker Studenten in ihrer Stadt. Auch sie vollzogen so ein Stück der politischen Wende, der friedlichen Revolution im Osten Deutschland mit, auf die wir nach weiteren Jahrzehnten ebenfalls als ein Stück der bewegten Vergangenheit unser Alma mater rostchiensis zurückblicken können.